Europäischer Tag gegen Menschenhandel am 18.Oktober: Zwangsarbeit auch in Schleswig-Holstein ein Thema
(Kiel/Hamburg 18.10.2025 Red: Inke Pohl)
Es ist eine Form der modernen Sklaverei: Nach Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) sind weltweit rund 25 Millionen Menschen von Arbeitsausbeutung, Zwangsarbeit und Menschenhandel betroffen – auch in Deutschland. Betroffene finden sich in Branchen wie Bau, Landwirtschaft, Gastronomie oder in Privathaushalten, meist im Niedriglohnbereich. Sie kommen aus allen möglichen Ländern und sind oft durch digitale Anwerbeverfahren angelockt worden. Doch noch immer bestehen große Defizite bei der Identifizierung und Unterstützung der Opfer sowie bei der Strafverfolgung der Täter.
Laut dem Bundeskriminalamt erreichte die Zahl der abgeschlossenen Ermittlungsverfahren im Bereich Arbeitsausbeutung im Jahr 2024 einen neuen Höchststand: 171 Opfer in 41 Verfahren gegen 60 Tatverdächtige. Dabei handelt es sich nur um die bekannten Fälle – viele Betroffene bleiben unsichtbar, weil sie keinen Zugang zu Hilfe oder Beratung haben.
Auch in Schleswig-Holstein gibt es Fälle. Erst kürzlich verurteilte das Landgericht Kiel einen rumänischen Bauunternehmer wegen Arbeitsausbeutung – ein Fall, der bundesweit Schlagzeilen machte. „Wenn Fälle wie der aus Neumünster öffentlich werden, ruft das oft große Empörung hervor. Über diese Empörung hinaus braucht es langfristig angelegte Strategien für Schleswig-Holstein“, sagt Claudia Rabe, Koordinatorin der Fachberatungsstelle contra. Diese Strategien seien auch im Koalitionsvertrag der Landesregierung vorgesehen – etwa durch den Ausbau spezialisierter Beratungsangebote und eine engere Zusammenarbeit zwischen Behörden, Polizei und Justiz.
Mit dem neuen Projekt Workers_SH, das am 1. Mai 2025 – dem Tag der Arbeit – gestartet ist, gibt es nun erstmals ein umfassendes Beratungsangebot für Betroffene von Zwangsarbeit in Schleswig-Holstein. Das dreijährige Projekt wurde von der Fachberatungsstelle contra initiiert und wird durch die Deutsche Fernsehlotterie und die Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland (Nordkirche) finanziert. „Viele fragen sich, wenn Fälle von Arbeitsausbeutung bekannt werden, was mit den Betroffenen passiert. Wir sind froh, dass wir das Projekt Workers_SH starten konnten“, betont Rabe.
Die neue EU-Richtlinie 2024/1712 verpflichtet die Mitgliedsstaaten, bis Juli 2026 Maßnahmen zum besseren Schutz der Opfer umzusetzen. Schleswig-Holstein hat damit die Chance, zum Vorreiter im Kampf gegen Menschenhandel in der Arbeitswelt zu werden.